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01.10.2017

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Vernissage "Positionierung zur Transzendenz" in St. Bonifatius

WIESBADEN.- In der nur spärlich beleuchteten St. Bonifatiuskirche in Wiesbaden wurde der Blick gleich beim Eintritt auf die große Leinwand vor dem Altar gelenkt, auf der die preisgekrönte Videoinstallation des Kölner Künstlers Malte Lück mit dem Titel "vergeben geben" projiziert wurde. Das leicht verwackelte Kamerabild zeigte einen barfüßigen, weiß gekleideten Körper, der mit ausgebreiteten Armen über einer steinernen Altarplatte zu schweben schien. "Wenn Sie dieses Bild verstehen wollen, dann müssen Sie die Haltung einmal für 20, 30 Minuten annehmen", erklärt der Künstler später in der Kapelle des Roncalli-Hauses. Die Haltung des Gekreuzigten öffne und mache gleichzeitig angreifbar. "Das ist eigentlich nicht mein Werk, es kam zu mir."

Mit einer Vernissage in der St. Bonifatiuskirche, musikalisch stimmungsvoll in Szene gesetzt von Moritz Reinisch (Saxophon), Alexander Müller (Orgel) und Marina Herrmann (Gesang), startete am Samstag ein Ausstellungsreigen bildender Künstler in verschiedenen katholischen Kirchen in Wiesbaden. Unter dem Titel "Positionierung zur Transzendenz" hatten sie sich an einem von der Katholischen Erwachsenenbildung ausgeschriebenen Wettbewerb zum Reformationsjahr beteiligt. Aus 220 Zusendungen hatte die Jury 13 Künstlerinnen und Künstler bestimmt, deren Arbeiten in verschiedenen Kirchorten, St. Bonifatius, Dreifaltigkeit, St. Mauritius, St. Elisabeth, Mariä Heimsuchung und St. Josef, nun präsentiert werden. "Auffällig ist auf den ersten Blick das große Spektrum der ausgewählten Werke", führte Dr. Simone Husemann, Kunsthistorikern und Leiterin der katholischen Erwachsenenbildung, in die Ausstellung ein. Die ausgestellten malerischen Arbeiten reichen von gegenständlichen Schilderungen bis hin zu abstrakten Farbwelten, "die in ihrer immateriellen Intensität die Idee von Transzendenz spürbar werden lassen".

Positionen beziehen, sich ausrichten

"You are (not) the only one", die Leuchtschrift von Sven Bergelt wechselte im Altarraum beständig die Aussage - mal leuchtete das "not", dann wieder verschwand es und wurde dunkel. Das Spiel mit Licht und Sprache warf bei einigen Betrachtern die Frage auf, warum der Künstler den Text nicht auf Deutsch verfasst habe. Das Englische sei mehrdeutiger, gab Bergelt zu bedenken.

Position beziehen, sich ausrichten - dazu lud die von Carla Zockoll entworfene Bodenfolie "Ich" die Vernissage-Besucher ein. Das Betreten der Kreisfläche mit ihren vier kreuzförmig angelegten Standpunkten war ausdrücklich erwünscht. Wie eine Kompassnadel richte sich der Betrachter zwischen Glauben und Wissen aus, so Husemann.

Neben Malte Lück wurde die in Münster lebende Künstlerin Anne Kückelhaus mit dem Förderpreis für ihre keramischen Arbeiten "Auferstehung", "Die Anbetung" und "Majesty" ausgezeichnet. "Die Tierplastiken werden unter ihren formenden Händen zu einem Spiegel menschlichen Verhaltens, zu Projektionsflächen menschlicher Sehnsüchte und Gefühle", begründete Husemann das Urteil der Jury. Die drei Hasen von Anne Kückelhaus sind in der Kirche Dreifaltigkeit zu sehen.

Flucht, Verfolgung und Tod werden thematisiert 

In St. Mauritius sind die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich anmutende Arbeiten von zwei Künstlern ausgestellt. "Doch beiden gemein ist das genuin Malerische ihrer Kunst, in ihrem künstlerischen Wollen", so Husemann. Und so laden die Werke die "Drei Grazien" von Pablo Hirndorf und "Blue" von Sibylle Gröne zum einzelnen Betrachten, aber auch zum Vergleichen und zueinander in Bezug setzen ein.

In St. Elisabeth ist das Bilderfries "GrenzLAND" von Sibylle Möndel zu sehen. Flucht, Verfolgung, Tod - die Grenzen des Menschseins werden auf den Tafeln aufgezeigt. Ebenfalls in St. Elisabeth hängt das Bild eines Bettes des Limburger Malers Klaus Werner. "Es ist der Ort zwischen Geburt und Tod, Liebe und Krankheit, Wachen und Traum", stellte Husemann den Bezug zur Transzendenz her.

In der Kirche Mariä Heimsuchung sind großformatige Graphitzeichnungen auf Papierbahnen der Künstlerin Birgit Weber zu betrachten. Ihre Bilderserie "Im Flow" gibt einen persönlichen Eindruck ihres künstlerischen Tuns.

"Hier stehe ich!", der dreiteilige Spiegel der Künstlergruppe Denkfabrik, "Stabat I und II" von Norbert Nolte, "Sternenkleid - ein Gewandfragment" von Ingrid Heuser sind weitere Ausstellungsstücke. Eine besondere Gelegenheit zum Ausstellungsbesuch bietet am Samstag, dem 28. Oktober, von 10 bis 17 Uhr eine "Spritztour zur Kunst", bei der alle Ausstellungsorte angefahren werden. Anmeldung unter keb.wiesbaden(at)bistumlimburg.de oder 06 11/17 41 20.

Die Kunstwerke sind bis zum 11. November zu sehen. Dann findet auch um 19 Uhr im Roncalli-Haus die Preisverleihung der von der Katholischen Stadtkirche Wiesbaden ausgelobten Förderpreise in den Bereichen Sprache und Literatur sowie Bildende Kunst unter dem Thema "Hier stehe ich!... - Standpunkte, die bewegen" statt. Schirmherr des Projekts ist Weihbischof Dr. Thomas Löhr. In einem Begleitkatalog sind die oben erwähnten Kunstwerke und die ausgewählten Texte, überwiegend Erzählungen, veröffentlicht. Weitere Informationen zu dem gesamten Projekt, das anlässlich des Reformationsjahres ins Leben gerufen wurde, finden sich unter www.standpunkte2017.de. (Text/Fotos: Anne Goerlich-Baumann)

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