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03.02.2017

Jeder Anruf ist ein Abenteuer

Neue Ausbildungsgruppe für Ehrenamtliche ab März

Die Anspannung vor dem Anruf: Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge müssen sich immer wieder neu auf ihre Gesprächspartner einstellen. Foto: Reichwein/Bistum LImburg

WIESBADEN. – So ein Satz bleibt im Gedächtnis: „Ich hänge an der Telefonseelsorge wie am Tropf“. Der Anrufer, der das im Gespräch gesagt hat, leidet an einer  lebensbedrohlichen Krankheit und meldet sich immer wieder. „Er hat sonst niemanden, der ihm zuhört“, sagt Jakob F.. Der 60-Jährige ist einer der rund 80 Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden, die Gutes tun, ohne Aufhebens davon zu machen. Dass er nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden will, ist schon Teil seines Dienstes. Der Kreis der möglichen Anrufer soll groß gehalten werden. Erst im Schutz von Anonymität und Verschwiegenheit können manche Menschen Fremden ihre tiefsten Sorgen anvertrauen.

Sofort ganz da sein

Depressionen und andere Krankheiten, Beziehungsschwierigkeiten, Selbstmordgedanken, Arbeitslosigkeit und immer wieder Einsamkeit: Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge werden mit der ganzen Bandbreite an Problemen konfrontiert. Wenn das Telefon klingelt, gibt es jedes Mal „einen Kick“, beschreibt Jakob F. die Anspannung, die besonders bei den Nachtschichten spürbar sei. Auch für Petra R. (72) ist bis heute „jeder Anruf ein Abenteuer“. Dabei ist die pensionierte Lehrerin schon seit den ersten Tagen der Einrichtung, die 1973 als ökumenische Kooperation zwischen Mainz und Wiesbaden gegründet wurde, mit im Team. Die große Herausforderung bestehe darin, „sofort ganz da zu sein“ und sich auf den jeweiligen Gesprächspartner einzulassen.

Keine Ratschläge geben

Wenn die Menschen am anderen Ende der Leitung ihre Lebenssituation als schrecklich oder gar ausweglos schilderten, gelte es, das auszuhalten und ernst zu nehmen, erklärt Petra R. Im besten Fall gelinge Ermutigung und Unterstützung bei dem Versuch, eine neue Perspektive zu gewinnen. Eines ist jedenfalls absolut verpönt: „Wenn ich anfange, Ratschläge zu geben, weiß ich, dass es schlecht läuft“, sagt sie. Am Telefon gehe es weniger um konkrete Hilfe als um ein Mitgehen, erklärt Dr. Christopher Linden (57). Der Theologe und Psychologe gehört seit 1990 vom Bistum Limburg aus zum hauptamtlichen Leitungsteam. Die fünf Mitarbeiter aus der katholischen und der evangelischen Kirche – psychologisch geschulte Pfarrer und Theologen - sind alle in den zwei Beratungsstellen tätig, die die Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden zusätzlich zum Telefonnotruf in den beiden Landeshauptstädten unterhält.

Sprachfähigkeit und Offenheit

Mit der Telefonseelsorge verbunden ist Christopher Linden schon seit Studientagen, seit er sich hier als junger Mann ehrenamtlich engagiert hat. Er weiß aus langjähriger eigener Erfahrung, was Bewerber für den Dienst am Telefon mitbringen sollten: Eine gute Wahrnehmung und Sensibilität, Sprachfähigkeit und Offenheit. Rund 14 Bewerber werden jedes Jahr ausgewählt und ein Jahr lang geschult und ausgebildet. Wichtiger Bestandteil sind die Selbsterfahrung in der Gruppe und die Bereitschaft, sich den eigenen Lebensthemen zu stellen. Das sei für ihn absolutes Neuland gewesen, sagt Jakob F., zumal er beruflich nur mit Zahlen zu tun gehabt habe. „Aber es hat mich positiv  in meiner Persönlichkeit geprägt.“ Petra R. bestätigt das: „Ich habe gelernt, viel offener auf Menschen zuzugehen.“

An Gott abgeben

Loslassen, Distanz wahren, die regelmäßige Reflexion in der Gruppe und das Wissen, „dass ich dem Anrufer nicht die Verantwortung abnehmen kann“, sind für sie Bewältigungsstrategien für den Umgang mit den oft belastenden Gesprächen. Wenn sie trotzdem an ihre Grenzen komme, helfe ihr ihr christlicher Glaube: „Dann gebe ich an Gott ab.“ (rei) 

Im März startet die nächste Ausbildungsgruppe. Interessierte sind zum Kennenlern- und Auswahltag am Samstag, 11. Februar, 9 Uhr bis 16 Uhr, eingeladen. Die Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden wurde 1973 gegründet. In Mainz stand die Glaubensinformation der Karmeliterpatres am Anfang. In Wiesbaden waren es Ideen des evangelischen Dekanatsverbandes und des katholischen Stadtdekans. Beide Initiativen hörten voneinander und schlossen sich zusammen. Ein Trägerverein ermöglichte die ungewöhnliche Kooperation zwischen den beiden Landeshauptstädten, der evangelischen und der katholischen Kirche und zwischen den Menschen links und rechts des Rheins. Rund um die Uhr, kostenfrei und anonym ist die Telefonseelsorge bundesweit unter den Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 erreichbar.

Weitere Informationen: www.telefonseelsorge-mz-wi.de.