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Religionsgrenzen im Gebet überwinden

Auf einer neuen Webseite gibt es täglich einen interreligiösen Friedensgruß
Religionsgrenzen im Gebet überwinden
Religionsgrenzen im Gebet überwinden

Auch in diesem Jahr sollte wieder ein interreligiöses Friedensgebet stattfinden, bei dem ein Friedensgruß mehrere Wochen lang durch Wiesbaden wandert. Bedingt durch die Corona-Pandemie findet das Friedensgebet in diesem Jahr digital statt. Von Sonntag, 3. Mai, bis Sonntag, 7. Juni, gibt es auf der Webseite friedensgebete-wiesbaden.ekhn.de täglich einen Impuls: Juden, Christen, Muslime und Baha'i aus Wiesbaden teilen Worte aus ihren Schriften, Gebete und Gedanken.

Der Initiator der Gebetsreihe, der evangelische Pfarrer Andreas Günther, erklärt, warum es auch in diesen Zeiten, in denen man sich kaum, gar nicht oder nur unter strengen Auflagen in Gotteshäusern versammeln darf, so wichtig ist, miteinander im Gebet verbunden zu sein:

Warum gibt es das wandernde Friedensgebet jetzt digital, wo der Reiz der Gebetsreihe ja eigentlich darin besteht, dass man sich in unterschiedlichen Gotteshäusern begegnet und miteinander betet?

Andreas Günther: Natürlich ist der besondere Reiz, sich gegenseitig in den verschiedenen Gotteshäusern zu besuchen, zu erleben, auf welche Weise Andersgläubige beten und sich von Angesicht zu Angesicht einen Friedensgruß zu zusprechen.

Corona setzt dem klare Grenzen. Gastfreundschaft vor Ort leben - das geht gerade nicht. Deshalb finde ich es umso wichtiger, andere Formen zu finden, mit denen wir uns auch über Religionsgrenzen hinweg verbinden können, so wie wir das innerhalb unseren eigenen Gemeinden ja auch tun - egal ob Christen, Juden oder Muslime: Ich finde, es tut gut, wenn man weiß und spürt, dass man aneinander denkt, sich gegenseitig Frieden wünscht - in Krisenzeiten erst recht. Deswegen war es mir wichtig, diesen interreligiösen Impuls, den wir mit dem wandernden Friedensgebet setzen, nicht komplett abzusagen, sondern ihn in den digitalen Raum zu verlagern.

Sie sind selbst Pfarrer - wie verändert Corona den Alltag der Gläubigen?

Ich glaube, wir vermissen alle sehr die Gemeinschaft, das Beieinandersein, das miteinander Singen, das Zusammensein beim Kirchenkaffee. Gerade an den großen Festen war und ist das besonders schmerzhaft, egal welcher Religion man angehört. Keine öffentlichen Gebete zu Ostern, Pessach und Ramadan - da fehlt etwas. Dafür finden viel mehr religiöse Formen in der Familie statt. Alle Religionsgemeinschaften haben Anregungen an ihre Mitglieder nach Hause geschickt, wie sie die zentralen Feste ohne einen Liturgen begehen können. Das hat zu besonderen Formen des Miteinanders im kleinsten Kreis geführt.

Mit der digitalen Form des Friedensgebets weiten wir das ins Interreligiöse aus. Auf der Webseite friedensgebete-wiesbaden.ekhn.de teilt jeden Tag eine andere Glaubensgemeinschaft etwas von dem was ihnen Kraft, Mut und Hoffnung schenkt. Das kann ein Gebet zum Lesen, zum Hören oder ein Video sein, das können Fotos, Zeichnungen oder eine Mischung aus all den Formaten sein – da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Was wünschen Sie sich aus Sicht der Ökumene, was nach der Krise bleibt?

Andreas Günther: Die Belastungen der derzeitigen Krise spüren wir alle gleichermaßen, sie verbindet alle Menschen und reicht über alle Religionsgrenzen hinweg. Wir sitzen quasi alle in einem Boot. Das Virus macht damit sehr deutlich, dass wir als Menschen alle zusammengehören und dass wir globale Krisen genauso wie lokale Herausforderungen nur gemeinsam und miteinander über alle Grenzen hinweg bewältigen können. Dass dafür ein Bewusstsein wächst und bleibt - das wünsche ich mir.

Mehr Infos:
http://dekanat-wiesbaden.de/angebote/oekumene

https://friedensgebete-wiesbaden.ekhn.de