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19.05.2017

Wenn der Papst am Telefon ist

Kardinal Kasper im Gespräch mit Meinhard Schmidt-Degenhard

Über Gott und die Welt haben Kardinal Kasper und Meinhard Schmidt-Degenhard zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe im Roncalli-Haus gesprochen. Fotos: Reichwein

WIESBADEN. – „Europa war schon immer ein Treffpunkt der Kulturen“: Das hat Walter Kardinal Kasper am Donnerstag, 18. Mai, in Wiesbaden festgestellt und „den ganz Rechten, die Europa retten wollen“, eine klare Absage erteilt: „Zu Europa gehört die Offenheit“, betonte der emeritierte Kurienkardinal, der zum Auftakt der „Abendgespräche im Roncalli-Haus“ erster Gesprächspartner des Journalisten Meinhard Schmidt-Degenhard war. Nicht nur in punkto Flüchtlingsfrage, sondern auch als Mitglieder einer sich rasant verändernden Kirche rief er die Christen dazu auf, das „Fürchte dich nicht“ ernst zu nehmen und mit Wagemut und Tapferkeit die heutige Zeit zu bestehen.

Kirche zur Welt hin öffnen

Mit Blick auf die offenen Türen und Fenster im mit über 200 Teilnehmern gut gefüllten großen Saal des Hauses erinnerte Stadtdekan Klaus Nebel in seinen Begrüßungsworten an Papst Johannes XXIII, mit bürgerlichem Namen Angelo Giuseppe Roncalli, der die Kirche zur Welt hin habe öffnen wollen. Umgekehrt sei auch zu wünschen, dass sich die Welt wieder neu öffne für Gott, sagte Nebel, der dem Kardinal – bei dessen ersten Besuch in Wiesbaden – auch die besten Grüße von Bischof Georg Bätzing überbrachte.

Über „Gott und die Welt“ sich auszutauschen und Position zu beziehen, explizit dazu will die neue Veranstaltungsreihe einladen, wie die Initiatoren, Dr. Simone Husemann, Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung, und Bezirksreferent Thomas Weinert erklärten. Sich den Fragen zu stellen, die die Gesellschaft habe und als Kirche darauf zu antworten, sei in Bezug auf Roncalli, den Namensgeber des Hauses, „Arbeitsauftrag und Herausforderung“, so Weinert. Dass das für die Zuhörer nicht akademisch trocken, sondern erhellend und unterhaltsam zugleich sein kann, bewies der erste Abend, bei dem ein weiter Gesprächsbogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft gespannt wurde.

Frisch von der Leber weg

„Wir sind fast vom Stuhl gefallen“, erinnerte sich der 84-jährige Theologe als Zeitzeuge an dem Überraschungseffekt, als das II. Vatikanische Konzil ausgerufen wurde. In den damaligen Bestrebungen, das Papsttum menschlicher zu machen, sieht er viele Parallelen zum jetzigen Papst. Franziskus habe Aufbruchstimmung und neuen Wind mitgebracht, spreche „frisch von der Leber weg“ und erreiche das Herz der Menschen, schwärmte der Kardinal und erzählte von einem Telefonanruf, bei dem der Heilige Vater selbst zum Hörer gegriffen und sich bei ihm mit einem lakonischen „Hier ist Papst Franziskus“ gemeldet habe. Weit über die Kirche hinaus sei Franziskus als moralische Autorität eine Stimme der Einheit und der menschlichen Werte, die in der Welt gehört werde: „Wir dürfen dankbar sein, einen solchen Papst zu haben“, so Kasper.

Zur Erheiterung des Publikums sorgte er, der seit 17 Jahren in Rom lebt, auch mit seinen humorvollen Einlassungen zur italienischen Mentalität. So herrsche in der Sakristei noch eine Minute vor Beginn des Gottesdienstes das Chaos: „ Und dann macht man draußen bella figura“, rühmte er das Improvisationstalent der Einheimischen. Im Gegensatz dazu werde man in Deutschland „leicht hysterisch“, meinte er.

Manchmal bleibt nur Schweigen

„Jammern ist keine Antwort“: Das gilt für den unverdrossen tatkräftig wirkenden Priester als Losung für die Kirche der Zukunft – „Eine Diaspora-Kirche kann neue missionarische Dynamik entfalten“ – ebenso wie für die Entwicklung der Ökumene, in der er erhebliche Annäherungen sieht auf dem Weg „eins zu werden in Verschiedenheit“. Freimütig beantwortete er auch die ganz persönliche Frage Schmidt-Degenhards danach, was für ihn im Leben zähle: Das sei die Botschaft von einem barmherzigen Vater im Himmel, der für den Sinn bürge, und den Glauben daran habe er grundsätzlich nie in Frage gestellt. Was nicht heiße, dass er auf alle Fragen eine Antwort habe, vor allem nicht auf die, warum es so viel Elend gebe auf der Welt. Manchmal könne man nur schweigen. Und es aushalten, sagte er, und beeindruckte mit dieser „Ehrlichkeit und Authentizität“ nicht nur Schmidt-Degenhard, sondern auch das Publikum, das mit herzlichem, langandauernden Applaus für seine Worte dankte. (rei)

Die Abendgespräche im Roncalli-Haus werden veranstaltet von Katholischer Erwachsenenbildung und Katholischem Stadtbüro. Die Reihe wird am 29. Juni um 19.30 Uhr fortgesetzt. Dann spricht Meinhard Schmidt-Degenhard mit dem hessischen Kultusminister Ralph Alexander Lorz über „Gott und die Welt“.  

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