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10.10.2016

Reiß nieder das Haus

Theaterprojekt mit Flüchtlingen in der Jugendkirche Kana

Beeindruckendes Ergebnis: Die Mitwirkenden am Theaterprojekt Arche 2.1 erhalten viel Applaus für ihre anrührende Vorführung. Fotos: Benjamin Dahlhoff

WIESBADEN. – Schon das erste Bild zieht die Zuschauer in Bann: Inmitten der dunklen Kirche fällt das Licht auf einen Kreis von Menschen, jungen und älteren, Mädchen, Frauen, Jungen und Männer, mit heller und mit dunkler Haut, in der Mitte Jugendkirchenleiter Jürgen Otto. Schweigend faltet jeder von ihnen aus einem Blatt Papier ein kleines Boot: Symbol dieses ungewöhnlichen Gottesdienstes in der Jugendkirche Kana, der mit einem Theaterstück beginnt und mit sehr viel Applaus endet. Die Mitwirkenden des Theaterprojektes Arche 2.1 präsentieren an diesem Sonntag, 9. Oktober, das Ergebnis monatelanger Probenarbeit: Ein selbst erdachtes und gemeinsam entwickeltes Stück vom Wegfahren und Ankommen, vom Wünschen und Hoffen und einer Welt, in der alle willkommen und Zuhause sind.

Kurze Dialoge, große Gesten

„Reiß nieder das Haus und erbaue ein Schiff. Lass ab vom Reichtum und suche nach dem, was atmet. Hol den Samen all dessen, was atmet, herauf in das Innere des Schiffs.“ Geheimnisvoll klingen die gemeinsam gesprochenen Worte, die von den Darstellern anrührend mit Leben gefüllt werden. Einzige Requisite ist die Arche selbst, ein kompakter, mit weißen Tüchern verhüllter und verpackter Kasten, Schutzraum, Zufluchtsstätte, ein Ort zum Bleiben, ein Schiff zum Reisen. „Wohin soll es gehen? Wen nimmst du mit? Niemand. Du hast niemanden? Nobody! Dann komm mit mir.“ Wo wollen wir wohnen: in einem Cadillac im Zimmer, im größten Haus der Stadt, da, wo Krieg ist und Terror, oder "im  Frieden auf Erden". Knappe Dialoge, große Gesten: Mit weitausgreifenden Gebärden schwimmen die Schauspieler durch den Raum, sind in bedrückender Enge eingekesselt, stürzen – und richten sich gegenseitig wieder auf: „Ich lasse dich nicht!“ heißt es immer wieder, wenn den zu Boden Gefallenen die helfenden Hände gereicht werden.

Herzlich willkommen

Sich kennenlernen, Kontakt miteinander aufnehmen, sich wahrnehmen: Dass das eine ganz elementare Erfahrung ist, wird tänzerisch dargestellt. Zwei Leute berühren sich, spielerisch, umeinander kreisend. Erst danach hat die Frage „Woher kommst Du?“ ihren Platz: „Mali, Afghanistan, Äthiopien, Eritrea, Deutschland“, antworten die Schauspieler, bevor sie rundum gehen und die Gottesdienstteilnehmer in die Fragerunde miteinbeziehen. „Du kommst mir bekannt vor“, meint einer der umhergehenden Akteure sinnend und fügt als Schlusswort  ein freundliches „Herzlich willkommen!“ hinzu.

„Barmherzigkeit richtet uns auf“, greift Kaplan Simon Schade anschließend den Faden im Gottesdienst auf: Im gleichen Boot sitzen heiße auch, aufzupassen, dass keiner auf der Reise verloren gehe. Dem schließt sich Jürgen Otto in seiner kurzen Predigt an: Wir selbst könnten für Menschen, die auf Hass und Gewalt träfen, so etwas wie eine Arche sein, meint er.

Unglaubliche Spielfreude

Nach dem mit Musik und Licht stimmungsvoll gestalteten Gottesdienst ist Zeit für viel Lob: für die ungewöhnliche und so heterogene Schauspieltruppe, zu der junge unbegleitete Flüchtlinge und alteingesessene Wiesbadener gehören, für Theaterpädagogin Priska Janssens als „guter Seele“ und künstlerischer Leiterin des ganzen Unterfangens, die Tänzerin Valerie Sauer für die eindrückliche Choreografie, und für Elke Wirtz-Meinert von der Theatergemeinde, die das Projekt initiiert hat, um Kultur als Impulsgeber für Integration zu nutzen. Es habe schon Mut dazu gehört, hat Janssens im Vorhinein gesagt: Aber die Spielfreude und die „unglaubliche Offenheit“ aller Mitwirkenden habe alle Herausforderungen wettgemacht. Und natürlich die Reaktionen der Mitwirkenden, zum Beispiel die von Hasibullah Khwajazada (17) aus Afghanistan, der die vergangenen Monate mit strahlenden Augen kurz zusammenfasst: „Es hat so viel Spaß gemacht.“ (rei)

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