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12.11.2017

Mutig Räume für Kunst eröffnet

Preisverleihung in Wiesbaden durch Weihbischof Thomas Löhr

Grund zur Freude bei Künstlern und Veranstalter: Simone Husemann, Anne Kückelhaus, Malte Lück, Anke Dörsam, Friedel Weise-Ney, Weihbischof Löhr, Yannic Federer (v.l.n.r.) (Fotos: Reichwein/Bistum Limburg)

WIESBADEN. – Eine fünffache Preisverleihung im Roncalli-Haus: Mit diesem besonderen Ereignis ist der Kunstwettbewerbs abgeschlossen worden, den die katholische Kirche in Wiesbaden unter dem Titel „Hier stehe ich!“…Standpunkte, die bewegen“ als Beitrag zum Reformationsgedenken veranstaltet hat. Weihbischof Dr. Thomas Löhr, der am Samstag, 11. November, in festlichem Rahmen drei Schriftstellern und zwei bildenden Künstlern Siegerurkunden überreichen konnte, lobte die Veranstalter für "diese herausragende Idee". „Ohne dieses Projekt wäre für mich das Reformationsgedenkjahr nicht rund gewesen“. Die bundesweite Ausschreibung des Wettbewerbs war auf große Resonanz gestoßen: Die Gewinner wurden aus über 440 Zusendungen ermittelt.

Die Zumutung annehmen 

In der Sparte „Wort und Literatur“ entschied sich die Jury dafür, an die Autoren Anke Dörsam, Yannic Han Biao Federer und Friedel Weise-Ney drei erste Preise zu vergeben.   „Worte aus der Zumutung Gottes“ lautete das „sperrige Thema“, wie die Literaturwissenschaftlerin Dr. Ina Germes-Dohmen sagte, die die Werke der Preisträger und elf weitere, im begleitenden Katalog veröffentlichte Texte vorstellte. Diese Erzählungen seien keine „Kuschelliteratur“, meinte sie. Sie bildeten gesellschaftliche Realität ab mit den entsprechenden existenziellen Fragen. Die Leser seien aufgefordert, sich nach der Lektüre selbst zu positionieren: „Nehmen Sie die Zumutung an“, forderte sie das Publikum auf. Unmittelbar Gelegenheit dazu bot sich den Veranstaltungsteilnehmern bei der berührenden Lesung ausgewählter Passagen von Benjamin Krämer-Jenster, Schauspieler am Hessischen Staatstheater Wiesbaden.

Herausragende Qualität

In der Kategorie „Bildende Kunst“ erhielt der Kölner Künstler Malte Lück für seine Videoinstallation „vergeben geben“ den ersten Preis. Die Kölner Künstlerin Anne Kückelhaus wurde für drei plastische Arbeiten in Keramik mit dem Förderpreis ausgezeichnet. Die Auswahl sei angesichts der „herausragenden Qualität“ vieler Zusendungen nicht leicht gefallen, berichtete die Kunstwissenschaftlerin Dr. Simone Husemann, Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung und Mitglied der Jury. Nach zum Teil lebhaften Diskussionen seien die beiden Preisträger und elf weitere Künstlerinnen und Künstler bestimmt worden, deren Werke seit November in katholischen Kirchen in Wiesbaden ausgestellt waren. „Kunst in den Kirchen einen Platz einzuräumen, hat auch etwas mit Mut zu tun“, sagte Husemann.

Kunst korrespondiert mit Kirche

Dieser Mut wurde auch in den Interviews thematisiert, die der Theologe Dr. Stefan Scholz mit den jeweiligen Künstlern und Weihbischof Löhr führte. Kunst, die für sich stehe, trete als Fremdkörper in Korrespondenz mit dem Raum und der Botschaft, die dort verkündet werde, sagte Scholz. Der Weihbischof sprach in diesem Zusammenhang von einer möglichen Wechselwirkung: „Was macht die Kunst mit dem Raum?“ Er unterstrich die Chance, dass Menschen, die sonst nichts mit Kunst zu tun hätten, sich von diesen Werken angesprochen fühlten: „Wenn wir als Kirche dazu Räume bieten können, sind wir froh und dankbar“, erklärte er.

In Sinnlichkeit investieren

Kultur schaffe Raum für Identität, knüpfe ein Beziehungsgeflecht, „in dem wir uns selbst verorten können“, sagte Husemann in einem Resümee des gesamten Projektes, zu dem auch ein Diskussionsforum auf Facebook in ökumenischer Regie gehörte. Die Kunst eröffne Vermittlungsräume, in denen sich die Möglichkeit biete, mit seiner Umgebung im Hier und Jetzt, aber auch mit  Gott in Beziehung zu treten. Um „Beziehungen“ ging es auch im Vortrag des Theologen Ludger Verst, der den Abend mit gewichtigen grundsätzlichen Überlegungen einleitete und Theologie und Kirche zu einer „Investition in Sinnlichkeit“ aufrief. „Am Beginn jeder Erkenntnis steht eine sinnliche Erfahrung.“ Die Kirche verzeichne gerade auf der  Beziehungsebene von Kommunikation hohe Verluste: Es fehle an Intensität. Kunstprojekte wie das Wiesbadener intensivierten dagegen die Wahrnehmung. In diesem Sinne gelte, so Verst: „Standpunkte können bewegen“. (rei)

Weitere Informationen im Internet unter www.Standpunkte2017.de. Der ansprechend und aufwändig gestaltete Katalog ist zum Preis von 10 Euro unter anderen an der Pforte des Roncalli-Hauses (Friedrichstraße 26-28) erhältlich.

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