Alle Meldungen

Zeitraum wählen:

bis

04.04.2017 – Pressemitteilung Bistum Limburg

"Jede Reaktion ist besser als keine"

Training macht Mut, gegen Stammtischparolen zu argumentieren

Jürgen Schlicher bietet seit 18 Jahren Argumentationstrainings an. Foto: C.Mann/Bistum Limburg.

WIESBADEN.- "Wer schweigt, stimmt zu", erklärt Jürgen Schlicher. "Jede Reaktion ist besser als keine", betont der Trainer, der seit 18 Jahren in der Antirassismus- und Antidiskriminierungsarbeit tätig ist. Etwa 20 Personen sind am Samstag, 1. April, ins Roncalli-Haus in Wiesbaden gekommen, um sich mit Stammtischparolen und Vorurteilen auseinanderzusetzen. Was sind Stammtischparolen? Wo begegne ich ihnen? Was macht sie gefährlich? Was kann ich tun? Was hilft wirklich? "Wir üben, üben, üben", gibt Schlicher die Richtung des Trainings vor.

"Da kann ich manchmal nur noch schlucken"

Viele der Teilnehmer kennen Hassparolen und Vorurteile - besonders gegen Flüchtlinge und Ausländer - nicht nur aus den sozialen Netzwerken, sondern auch von ihrer Arbeit in Kindertagesstätten und Schulen, Krankenhäusern und Pfarreien oder ehrenamtlicher Arbeit. "Mir begegnen Stammtischparolen zunehmend auch unter Christen", berichtet eine Seelsorgerin besorgt. "Da kann ich manchmal nur noch schlucken. Aber ich will nicht mehr schlucken!", sagt die Wiesbadenerin. Ein Ehepaar aus der Nähe von Limburg, das sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einsetzt, erzählt von schwierigen Diskussionen im Freundeskreis. "Wir erleben, dass sich Freunde von uns einfach abwenden." Eine junge Frau, die für einen Wohlfahrtsverband tätig ist, erzählt frustriert: "Ich kann noch so viele gute Argumente bringen, mir wird nicht geglaubt."

Stammtischparolen nicht auf die leichte Schulter nehmen

Oberflächliche, pauschalisierende und nicht differenzierte Parolen begegnen überall, wo Menschen miteinander kommunizieren, macht Schlicher ebenso klar wie die Tatsache, dass man Menschen nur schwer bewegen kann, davon abzurücken. Die Vorurteile seien auf einer "inneren Landkarte" oft schon von Kindheit an im Denken abgespeichert worden. Um etwas zu bewerten, greift das Gehirn darauf zu. Das Training, das vom Projekt "Willkommenskultur im Bistum Limburg", dem Diözesanbildungswerk sowie dem Diözesancaritasverband initiiert wurde, beleuchtet auch Hintergründe, warum die Menschen immer wieder auf Vorurteile zurückgreifen. "Stammtischparolen haben vor allem als Kennzeichen, dass sich Leute nicht mit einem Thema auseinandersetzen wollen, sondern nur herausfinden wollen: ,Wer sieht das eigentlich genauso wie ich?'", so Schlicher.

"Das Entscheidende bei Stammtischparolen ist, sie nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Das ist demokratiegefährdend", warnt der Trainer davor, Stammtischparolen auf die leichte Schulter zu nehmen. "Wenn wir Stereotype stehen lassen, dann wird es zu Diskriminierung führen. Wenn wir Diskriminierung stehen lassen, dann wird es zu Gewaltakten führen." Stammtischparolen tragen zu einer Radikalisierung bei und können im schlimmsten Fall bis zu einem Genozid führen, erklärt der Politologe.

Rollenspiele und Filme

Schlicher beobachtet die Teilnehmer bei Rollenspielen und stellt provokante Fragen, um sie aus der Reserve zu locken. Er beantwortet Fragen, gibt Raum für Diskussion und hat Tipps in der Hinterhand, wie man besser in Diskussionen bestehen kann. Ein einfaches Widersprechen sei ein erster Schritt. Das mache aber manchmal keinen Sinn oder reiche nicht aus, um seine Meinung zu behaupten, so der Trainer. "Wir erarbeiten in den Rollenspielen, dass viel an der eigenen Haltung liegt: An der Körpersprache, an der Art, wie ich bestimmte Fragen stelle, wie ich mir am Tisch Verbündete organisiere", erklärt er. Den Wahrheitsgehalt der Behauptungen kritisch zu prüfen, beharrlich nachzufragen und nachzuhaken oder das Gespräch zu eigenen Themen zu lenken, könne ebenso hilfreich sein wie mit Humor die Diskussion aufzulockern, den Diskussionspartner gezielt mit Namen anzusprechen oder ihn aufzufordern, konstruktive Alternativen zu präsentieren. Habe man jemand gefunden, der die gleiche Meinung teilt, helfe es auch, ihn aufmerksam zu unterstützen, damit nicht das Gefühl aufkommt, alleine demokratische Werte zu verteidigen. Und wird es einmal laut, könne man auch die Gesprächskultur thematisieren und damit den Gegner schlecht dastehen lassen.

Dass die Teilnehmer mit Blick auf den Bundestagswahlkampf noch häufig Gelegenheit haben werden, das Gelernte anzuwenden, steht für Schlicher außer Frage. "Sie sind gerüstet. Jetzt üben sie viel da draußen. Es wird ein hartes Jahr." (clm)

Foto