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Viele werden durch Kirche verletzt

Interview mit Bischof Georg Bätzing zum Nein Roms
Viele werden durch Kirche verletzt
Viele werden durch Kirche verletzt
Dr. Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. © Tobias Steiger

Am 15. März hat die Glaubenskongregation im Vatikan der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren eine klare Absage erteilt. Im Interview erklärt der Bischof von Limburg, dass er das Unverständnis in Bezug auf diese Absage gut verstehen kann. Er wünscht sich eine Weiterentwicklung der katholischen Sexuallehre und fordert eine konstruktive Auseinandersetzung Roms mit wichtigen Themen der Pastoral in Deutschland. 

Das Nein der Glaubenskongregation hat im Bistum Limburg, bundesweit und auch in anderen Ländern Unverständnis bei Gläubigen, bei Seelsorgerinnen und Seelsorgern und auch bei Bischöfen ausgelöst. Können Sie dieses Unverständnis verstehen?

Ja! Ich kann das Unverständnis verstehen und teile es ausdrücklich. Das Dokument aus Rom vom 15. März gibt den altbekannten Stand der Lehre wieder. Es wird aber in der Breite nicht mit einer Akzeptanz und einer entsprechenden Befolgung rechnen können. Ein Dokument, das sich in seiner Argumentation so eklatant einem Erkenntnisfortschritt theologischer und humanwissenschaftlicher Art verschließt, wird dazu führen, dass die pastorale Praxis darüber hinweggehen wird.

Wir brauchen eine Neubewertung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und eine Weiterentwicklung der kirchlichen Sexualmoral. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist für uns als Christen ein sehr hohes Gut. Sie besitzt als Sakrament der Kirche eine unvergleichliche Bedeutung und einzigartige Würde. Es geht nicht darum, an der Schöpfungsordnung zu rütteln. Niemand will die Ehe von Mann und Frau und ihre Fruchtbarkeit relativieren. Diese Hochschätzung im römischen Schreiben ist wichtig. Aber um den besonderen Wert der Ehe herauszustellen, müssen nicht andere Formen von partnerschaftlichen Lebensgemeinschaften abgewertet werden, die es ja offensichtlich auch gibt.

Sie haben in einem ersten Statement am Montag deutlich gemacht, dass für Sie die Diskussion zu der Frage noch nicht abgeschlossen ist. Warum darf die Diskussion aus Ihrer Sicht nicht beendet sein?

Ein apodiktisches Nein wird der Verantwortung gegenüber einer so komplexen Fragestellung einfach nicht gerecht. Mich haben sehr viele – teils sehr persönliche – Rückmeldungen auf das Vatikanschreiben erreicht. Viele werden durch die Kirche jetzt wieder neu verletzt. Es gibt viele Menschen, die in verantwortungsvollen, treuen und fürsorglichen Partnerschaften leben, ohne im christlichen Verständnis eine Ehe zu führen. Sie wollen aber ihr Leben mit der Kirche gestalten. Das Nein verletzt aber auch Seelsorgerinnen und Seelsorger in ihrem verantwortlichen Umgang mit solchen Lebenssituationen. Und es stößt viele Gläubige vor den Kopf, die in ihren eigenen Familien als Eltern, Großeltern und Geschwister solche Lebenspartnerschaften sehr wertschätzend begleiten.

Die Antwort aus Rom kam überraschend? Gibt es ein Kommunikationsproblem zwischen Rom und den Katholikinnen und Katholiken in Deutschland?

Auch für mich kam das Schreiben am Montag überraschend. Vor allem, da wir in vielen Bereichen sehr eng und vertrauensvoll mit den vatikanischen Stellen zusammenarbeiten und gut kommunizieren. Wenig überrascht hat mich allerdings das inzwischen gängige Argumentationsmuster.

Was meinen Sie damit?

Es wird behauptet, die Kirche habe nicht die Vollmacht, die diesbezügliche Lehre zu verändern. Damit geschieht eine Selbstimmunisierung gegenüber der Veränderung kirchlicher Lehre, die ja bekanntermaßen durchaus möglich ist und vielfältig stattgefunden hat. Interessant ist, dass diese vermeintliche Ohnmacht dann aber machtvoll durch ein Schreiben als Antwort auf eine Frage, einen Zweifel (Responsum ad dubium) oder in Form einer Instruktion in die Welt kommuniziert wird. In jedem Fall dieser Art erleidet die Autorität der römischen Kurie Schaden, und daran ist mir keineswegs gelegen. Bei der Frage um Segen für Menschen, die nicht kirchlich heiraten können, wie zuvor bereits in anderen Fragen im Kontext menschlicher Sexualität und Partnerschaft ist dieser Autoritätsverlust eklatant und führt dazu, dass den Gläubigen Orientierung in Fragen der Sexualethik und einem personalen Verständnis von Partnerschaft fehlt.

Was sagen Sie Menschen, die durch das Schreiben verletzt werden und mit der Kirche hadern?

Ich kann das verstehen. Da sind viele Menschen, die ihre Partnerschaft vor Gott bringen möchten, ihren Glauben vertrauensvoll in der Kirche leben und die sich zurückgestoßen fühlen. Zum Teil seit Jahrzehnten und nun erneut. Diese Verletzungen von Menschen, die nicht kirchlich heiraten können, muss ich in meinem Hirtendienst ernstnehmen. Das ist eine Frage der seelsorglichen Verantwortung. Es reicht aber nicht, wie das römische Schreiben ja selbst betont, die Menschen in ihren Einzelsituationen zu begleiten. Gläubige in der Kirche akzeptieren allzu einfache Antworten nicht mehr und fordern Veränderungen. Und das nehme ich von vielen Gläubigen und Seelsorgerinnen und Seelsorgern als einen Auftrag an. Auch so verstehe ich meinen bischöflichen Dienst.

Nicht wenige sehen den Synodalen Weg, den die katholische Kirche in Deutschland geht, durch die römischen Einwände in Gefahr. Sie haben den Synodalen Weg immer verteidigt und gefördert. Ist der Synodale Weg in Gefahr?

Es ist offensichtlich so, dass sich das Schreiben der Glaubenskongregation auch auf die Diskussion des Synodalen Weges und die Arbeit im Forum „Leben in gelingenden Beziehungen“ bezieht. Natürlich sind allen, die in diese Diskussionen eingebunden sind, der Stand der Lehre und die Aussagen des Katechismus bekannt. Ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, dass die katholische Sexuallehre einer Weiterentwicklung im Licht der seit Jahrzehnten vorliegenden humanwissenschaftlichen und theologischen Erkenntnis bedarf. Veränderung gehörte schon immer zum Wesen der Kirche. Wer sie verweigert, der gefährdet die Einheit der Kirche.

Wie geht die Auseinandersetzung mit dem Nein Roms denn jetzt weiter?

Es geht auf dem Synodalen Weg weiter, und wir werden zu Beschlüssen kommen. Aufgrund der Einschränkungen in der Zeit der Pandemie konnten wir die Kommunikation über die Inhalte und Aufgabenstellungen mit den römischen Stellen bislang kaum führen. Ich muss aber auch feststellen, dass es offensichtlich bislang eine konstruktive Auseinandersetzung mit unseren Fragestellungen dort nicht gegeben hat. Es besteht kein Zweifel daran, dass wir beim Synodalen Weg in Verbindung mit der Weltkirche bleiben werden. Von Rom erbitte ich jedoch auch Respekt für die Ernsthaftigkeit unserer Auseinandersetzung mit wichtigen Themen, vor die wir uns in der hiesigen pastoralen Situation gestellt sehen. Alle diese Themen berühren nicht zuletzt solche systemischen Problemhorizonte, wie sie uns die MHG-Studie als zu überwinden aufgezeigt hat. Als ich vor vier Jahren Bischof wurde, habe ich den Wahlspruch „Congrega in unum – Führe zusammen“ gewählt. Diesem Dienst an der Einheit weiß ich mich verpflichtet. Er kann jedoch nur gelingen, wenn es nicht nur in gehäuftem Maß römische Einsprüche gibt, sondern mehr gemeinsame Gespräche in gegenseitigem Respekt. 

Wie sieht denn eine konstruktive Auseinandersetzung aus?

Wenn es um so gewichtige Themen geht, reicht es nicht einfach aus, den Katechismus zu zitieren. Konstruktiv wäre es, wenn die Kongregation entsprechende Prozesse unter weltkirchlicher Beteiligung initiiert, um adäquate Antworten zu finden, die sich unter den Bedingungen unserer Zeit und einer kulturellen Vielgestaltigkeit in der Weltkirche gewiss nicht mit einem schlichten Ja oder Nein begnügen können. Es war beispielsweise wegweisend, dass alle Teilkirchen 2013 als Vorbereitung auf die Familiensynode vom Vatikan befragt wurden. Das war ein Wendepunkt, auch weil in den Antworten deutlich wurde, dass die Lehre der Kirche nicht mehr akzeptiert wird. Diese Diskrepanz ist in allen Synodendokumenten benannt. Die Rückmeldungen liegen auf dem Tisch und müssen gemeinsam bearbeitet werden.

Ich denke ebenso an unsere guten Erfahrungen des Prozesses „Paare, die nicht kirchlich heiraten können oder wollen bitten um Segen. Was tun?“ im Bistum Limburg. Mehr als zwei Jahre ist im Bistum differenziert und kontrovers über diese Frage beraten worden. An dem Prozess waren unter anderem Seelsorgerinnen und Seelsorger, Paare, die um Segen bitten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Gremienvertreterinnen und Gremienvertreter beteiligt. Dieser Prozess war sehr bereichernd und hat mir und vielen im Bistum Limburg Aufträge zur Weiterarbeit übertragen.

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