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Höraufgaben für die Kirche

Höraufgaben für die Kirche
Höraufgaben für die Kirche
© Reichwein/Bistum Limburg

Wenn zwei dasselbe hören, hören sie noch lange nicht dasselbe: Den auf den ersten Blick verblüffenden Widerspruch haben die rund 80 Teilnehmer des 25. Forums Sozialpastoral gleich zum Einstieg am eigenen Leib erlebt. Was der Nachbar denkt, fühlt, empfindet, wenn Glenn Millers „In the mood“ im großen Saal des Wilhelm-Kempf-Hauses zu hören ist, unterscheidet sich dann doch gravierend vom eigenen „Kopfkino“, wie beim ersten Austausch schnell deutlich wurde. Was für die Musik gilt, gilt erst recht für das gesagte Wort. „hören – hinhören – zuhören!“ lautete denn auch der als energischer Aufruf formulierte Titel der Jubiläumsveranstaltung.

Gutes Zuhören ist eine Haltung

Hinsehen beginnt beim Hinhören: Dr. Susanne Gorges-Braunwarth, Abteilungsleiterin Pastoral in Netzwerken, erklärte zu Beginn den  Anspruch des Forums, als Hörwerkstatt einen Beitrag zur Kirchenentwicklung zu leisten. Wenn es darum gehe, im Sinne eines Perspektivwechsels in Kontakt zu treten mit den Herausforderungen und den Nöten der Menschen, komme dem Hören eine gewichtige Rolle zu. Dass auch das Hören auf Gottes Wort ein dialogischer Prozess ist, machte Diakon Werner Thomas deutlich. Wie leicht dabei Missverständnisse entstehen und dass gutes Zuhören eine Haltung voraussetzt, dafür hatte er mit der Offenbarung an Samuel ein vielsagendes Beispiel aus der Bibel mitgebracht.

Offenheit für Neues

Zuhören ist eben ein bewusster Akt und zugleich eine Kunst, die nicht leicht zu erlernen ist: Diese Erkenntnis aus seiner therapeutischen Praxis steuerte der Psychotherapeut, Gruppenanalytiker und Coach Professor Sebastian Murken bei. Es brauche dazu nicht nur die nötige Zeit und vielleicht auch einen geschützten Raum, sondern die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, die Offenheit für Neues, auch Unliebsames. Wichtig ist aber vor allem, so der Therapeut, „die eigene innere Stimme ein Stück weit zum Schweigen zu bringen“.

In der Wahrnehmung von Differenz lernen

Sprechen und Zuhören funktioniert nach seinen Worten nicht nur auf einer rationalen Ebene, sondern das Unbewusste spielt immer mit: Das sind nach dem von ihm gebrauchten Bild die sechs Siebtel der Seele, die sich, wie bei einem Eisberg, unter der Oberfläche befinden. Sich auf den anderen einzulassen, fange an mit der Reflexion über das eigene Ich, die inneren Dynamiken und blinden Flecken. Nur wer sich enger und einengender Erlebnis- und Verhaltensmuster bewusst werde, könne sie erweitern und damit neue Handlungsspielräume entwickeln. „Die Welt ist nicht per se so, wie ich sie wahrnehme, andere erleben sie anders“, wiederholte der Professor die Erfahrung des Einstiegs mit anderen Worten und bekräftigte: „In der Wahrnehmung von Differenz lernen wir.“

Höraufgaben für die Kirche

„Warum fällt es uns als Kirche so schwer, zuzuhören?“ fragte in der anschließenden Diskussion einer der Teilnehmer. Während das Wort eines Kirchenvaters aus dem dritten Jahrhundert sehr präsent sei, „hören wir die geschiedene Frau in Frankfurt lange nicht so laut“, meinte er. Muss „die Kirche“ vielleicht in Therapie? Zumindest ist es laut Professor Murken durchaus zielführend, zum Beispiel die Theorie der immer wiederkehrenden Muster auf die Institution zu übertragen. Für Gorges-Braunwarth ein guter Impuls, „als Kirche auch nach innen zu hören“, sich selbstkritisch wahrzunehmen und sich den eigenen „Höraufgaben“ zu stellen. „Unerhörte Themen“ – die Machtstrukturen, Klerikalismus, Beteiligung von Frauen - gebe es schließlich genug.

Wo Zuhören bereits gelingt

An vielen Orten in der Kirche wird allerdings bereits gut zugehört: Praktiker aus der Telefon- und Krankenhausseelsorge, der Sozialpastoral und der Beratung legten am Nachmittag in Hör-Proben überzeugend dar, wie es gelingt, "Ohr in die Gesellschaft zu sein". Von einem außergewöhnlichen Dialogmodell außerhalb des Bistums berichtete Pater Winfried Pauly. Der Redemptorist stellte das Brunnenprojekt in Bochum vor, bei dem er selbst als eine Art Streetworker mitten im Viertel wohnt, in den Straßen unterwegs ist und für seine Aufgabe überhaupt kein aufwändiges Equipment braucht. "Das entscheidende Medium bin ich selbst", stellte er mit Nachdruck fest und hielt ein engagiertes Plädoyer für Stille, Leerlauf und viel unbeschriebenen Platz im Kalender: Unverzweckte Zeiten, um präsent sein zu können.

Schon allein die Frage, "für wen haben wir Zeit?" enthalte eine intensive Botschaft, gab er zu bedenken. Und auch für die, für die sich so viel unbeschriebener Raum im Kalender wie purer Luxus anhörte, hatte der charismatische Pater einen guten Ratschlag parat: "Wer ständig auf Sendung ist, tut sich schwer mit Empfang."

© Reichwein/Bistum Limburg
© Reichwein/Bistum Limburg
© Reichwein/Bistum Limburg
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